Teuro Phänomen 2001-2005: War die gefühlte Inflation wirklich falsch? – Eine echte Herausforderung für den Data Scientiest

Wir versuchen das Teuro Phänomen statistisch zu untersuchen und konfrontieren mangelnde und teilweise widersprüchliche Quelldaten. Zwar können wir wegen Datenmangels das Phänomen nicht direkt statistisch nachweisen, spricht die Metaanalysis (also Analyse von zum Thema durchgeführten Studien) eindeutig dafür, das es Teuro doch gab (wenn auch hat sich nicht so offensichtlich ausgeprägt).

Während der Mittagspause hatte ich (Euro- und zum Teil EU-Skeptiker) mit einem Kollegen (EU-Befürworter) eine Diskussion gehabt. Ziemlich schnell hat die Diskussion den Status "Meinung gegen Meinung" erreicht. Eine von meinen Behauptungen war: Euro sei Teuro und dessen Einführung hat den Kaufkraft der Deutschen gesenkt. Als spontanes Beispiel habe ich die Preisentwicklung von schönes Wochenende Ticken ernannt. Der Kollege erwiderte, ein einzelnes Beispiel sei nicht aussagekräftig. Dann blieb mir nur - nach dem Verfahren von Leibniz - zu sagen: "Rechnen wir, mein Herr!"

Allerdings ist die Statistik nur dann eine Wissenschaft, wenn es genug Ursprüngsdaten vorhanden sind (ansonsten ist sie im besten Fall eine Kunst, häufig aber eine Lüge). Selbst durch die Aggregation kann die Information verloren gehen: das haben wir früher mit dem Case Study The Highest Volatility in October? schon gezeigt. Um es ganz kurz zu zeigen: das Mittelkörpertempertur von 36,6 °C in einem Krankenhaus sagt nichts: wenn viele Fieber haben und manche schon die Leichentemperatur, kann es im (gewichteten) Durchschnitt auch 36,6 °C sein.
Genauso ist mit dem CPI (Consumer Preis, also Verbraucherpreisindex) - das ist nichts anders als (gewichteter) Mittelwert der Preise für Güter und Leistungen. Und die Wahl dieser Zutaten und deren Gewichtungen ist eine weitere Quelle der Mittlerungsfehler: ein Sozialhilfeempfänger und ein Mittelschichtler haben verschiedene Güterkorbe.

Normalerweise liest ein Wissenschaftler die schon vorhandene Werke, bevor er eigene Forschung unternimmt (sonst sage man in Russland: der Tschuktscha Ostfriese braucht nicht zu lesen, da er ein Schriftsteller und kein Leser sein will). Allerdings wenn die Forschungsmethode mehr oder weniger klar ist und meistens eine Fleißarbeit bedeutet, kann es Sinn machen, zuerst die eigene Recherche durchzuführen. Dann - nach unmittelbarer praktischer Übung - kann man die Stärken und Schwächen von den anderen Studien besser erkennen.
So wollte ich machen ... allerdings habe einen starken Datenmangel konfrontiert.
Mein Ansatz war: bei den Lebensmittel, die man quasi-täglich kauft, lässt sich die Teuerung besonders stark spüren.
Aber sofort habe ich die Datenmangel konfrontiert.

So hat das Statistische Bundesamt hat fast nichts zum Thema Lebensmittelpreise

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Auch Statista...

Wo man früher viele wertvolle Information finden konnte, u.a. über die Preisentwicklung von einzelnen Produkten, ist geizig geworden und verlangt €49/mo.

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Weiter gibt es einige ziemlich interessante Webseiten wie was-war-wann.de, aber eben bei vielen Lebensmitteln - wie Schweine- und Rinderfleisch, sowie Eier und Milch fehlen die Daten für die letzten Jahrzehnten.

Bei solchem Datenzustand bleibt es nur, eine Meta Analysis (kritische Review der schon vorhandenen Studien) zu führen. Zwar nicht so ausführlich wie z.B. Thomas Rupp zum Thema Crime and Deterrence mal durchführte, aber trotzdem.

Wikipedia ist häufig hilfreich als Startpunkt für solche Meta-Analyse. Die zwei wichtigsten Zusammenfassungen aus Wikipedia Artikel sind m.E. wie folgt:

Direkt nach der Euro-Einführung war in den Euroländern die Wahrnehmung verbreitet, die Preise seien durch die Währungsumstellung erheblich gestiegen. Die monatlich mit 21.000 Befragten durchgeführten Untersuchungen der Europäischen Kommission zeigen einen starken Meinungsumschwung in diesen Staaten.Während im Dezember 2001 nur 17 % angaben, die Preise stiegen schneller als zuvor, waren es im September 2002 schon 44 %. Zwar liegt die wahrgenommene Inflation häufig höher als die statistisch gemessene, aber die Diskrepanz wuchs in diesem Zeitraum erheblich. Erst um 2005 pendelten sich die Werte wieder langsam ein.

Die Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft untersuchten bereits im Jahr 2002 die Preisentwicklung im Detail. Sie fanden eine höhere Inflationsrate für Produkte des täglichen Bedarfs von 4,8 %, was deutlich über den vom Statistischen Bundesamt ermittelten 1,9 % für das gesamte Jahr 2002 liegt. So wurde Gemüse ganze 14,3 % teurer, Obst 6,2 % teurer und Brot sowie Fleisch jeweils 4,1 % teurer. Überdurchschnittlich verteuerte Waren machten jedoch nur 24 % des Warenkorbs aus. Sie kamen zu dem Schluss, dass das in der Bevölkerung verbreitete Gefühl nicht unbegründet sei, da die stärker verteuerten Waren eher wahrgenommen würden als kaum geänderte Fixkosten wie beispielsweise Miete oder Heizungskosten.Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen auch Experten anderer Wirtschaftsinstitute.

Jetzt können wir wieder auf quantitativen Boden zurückkehren.
Die Änderung von 17% auf 44% bei 21000 befragten kann kein Zufall sein (Stichwort: Gesetz der großen Zahlen).
Dabei entstehen unmittelbar die folgenden zwei Fragen:
1. Haben sich die Menschen nur subjektiv getäuscht; dabei blieb deren echten inflations- und lohnsteigerung-bereinigte) Kaufkräfte etwa gleich?
2. Falls es außergewöhnlicher Teuerung doch gab, ist die Euro-Einführung wirklich schuld?

Die Antwort auf die 1. Frage kann man zum gewissen Grad sofort folgern. Nochmal die Aussagen aus Wikipedia/Forschungsergebnisse:
a. höhere Inflationsrate für Produkte des täglichen Bedarfs von 4,8 %
b. überdurchschnittlich verteuerte Waren machten jedoch nur 24 % des Warenkorbs aus
Allein dieses Viertel des Verbrauchskorbs aber gibt 0.048*0.24 = 1.15% Inflation, dabei im Jahre 2002

machte die offizielle Inflation 1.9% (oder 1.42%?) aus

Irgendwie ist es schwer zu glauben, dass die restlichen 76% des Verbraucherkorbes sich um lediglich =(1,9-1,15)/0,76 = 0.99% verteuerten. Außer an sich unplausibel niedrig zu sein hätte diese Zahl noch eine Verlangsamung der Inflation in diese restliche 76% von Gütern bedeutet, denn die sämtliche Inflation vom Vorjahr (also vor der überdurchschnittliche Teuerung der Lebensmittel) 1.98% ausmachte!
Betrachtet man noch die stagnierende Löhne im Jahr 2002 dazu...

so versteht man, dass die Bürger nicht umsonst um Euro-Teuro gejammert haben!

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/75731/umfrage/entwicklung-der-bruttoloehne-in-deutschland/

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Auf die 2. Frage ist wesentlich schwerer eindeutig zu beantworten. Hier kann man international vergleichen: dabei sind nur die USA und evtl. die Japan angemessene Benchmarks für EU und dort hat man kein vergleichbares Phänomen beobachtet. Also gab es wohl keine globalwirkende Faktoren (wie etwa Rohstoffpreissteigerung, die es tatsächlich gab, hat aber kein "Tjen" in rostoffarmer Japan verursacht). Und dadurch haben wir den ersten indirekten Nachweis: denn wenn nicht die Euro-Einführung schuld war, dann was?

Weiter liefert uns die Studie von FOCUS auch einen direkten Nachweis (sobald die Aussage stimmt):

Strategieberater wie Simon, Kucher & Partner flüsterten Händlern und Herstellern ein, sie könnten die Euro-Einführung nutzen, „um sich preislich neu zu positionieren“ – auf Deutsch: die Preise erhöhen.

Diese Veröffentlichung von FOCUS Magazin ist auch dadurch bemerkenswert, dass es die Rohdaten vorlegt. Leider zeigen diese Daten die Zeitperiode von 2001 bis 2011 (und nicht bis zum 2005, was uns am meisten hilfreich wäre). Trotzdem sind diese Daten lesenswert, so habe ich die als Excel Worksheet zusammengefasst sowie auch unter mehreren Blickwinkeln visualisiert.


Interessant, dass im ungewichteten(!) Durchschnitt diese Preisänderungen sogar etwas unter der offizielle Inflation liegen. Aber die zeigen die Heterogenität der Preisentwicklungen und folglich die Grenzen der Aussagekraft eines Verbraucherpreisindexes. Mit einfachen Worten: wenn das sich verteurt, was an meisten gebraucht wird, so weicht eine individuelle Inflation von der offiziellen stark ab.


Es ist auch zweckmäßig die Veröffentlichungen anzuschauen, die behaupten, dass es überhaupt kein Teuro-Phänomen war. Z.B. diese.

In den ersten zehn Jahren nach der Euro-Bargeldeinführung am 1.1.2002 lag die Teuerung aber nur bei 1,6 Prozent. 2013 waren es 1,5 Prozent.

Wie gerade gezeigt wurde, ist die offizielle Inflation (wenn überhaupt richtig kalkuliert) wie die Durchschnittstemperatur im Krankenhaus. Zweitens wird die Inflation aus Teuro-zeit (also erste Jahren nach Einführung von Euro) mit den Jahren gemittelt, bei welchen die Inflation wegen der Wirtschaftskrise-Folgen (Wirtschaftsstagnation, Konsumrückhaltung) niedrig blieb.

Hier wird versucht, die Teuerung auf andere Faktoren zurückzuführen, z.B.

Der Ölpreis stieg von etwa 10 Dollar im Jahre 1998 auf 140 Dollar Mitte 2008. Dadurch verteuerten sich Kraftstoffe und Energie, sie wurden allein zwischen Januar 2002 und Dezember 2006 um 30 Prozent teurer.

Genauere Betrachtung zeigt aber, dass von 2000 bis 2004 der Ölpreis sich kaum geändert hat und der stärkste Preisanstieg passierte erst nach 2005 (was aber keine so deutliche Verteuerung von Konsumgütern verursachte).


P.S. Das Thema hat mich u.a. deswegen so interessiert, weil mein erster Text auf Deutsch, welchen ich nicht aus dem Lehrbuch sondern aus Internet gelesen habe, war über den Preisstreik. Aber nun es ist unglaublich schwer, die originale Nachrichten aus dieser Zeit zu finden, auf den ersten Anhieb fand ich nur das und das.

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