Quirin Honorarberatung: gut gedacht aber schlecht gemacht

Etablierung der unabhängigen (und deswegen entgeltlichen) Finanzberatung, sowie die transparente und nachvollziehbare  Vermögensverwaltung wäre ein großer Vorschritt für die Deutsche Finanzindustrie. Das strebt anscheinend die Quirin Bank. Doch gibt es einige wesentlichen Unterschiede zwischen der Werbung, dem roten Buch von Quirin und der Tatsache.

Aufmerksam auf Quirin bin ich durch die Online-Werbung geworden. Dann habe ich das rote Buch bestellt. In dem Buch werden zuerst ein paar "failure stories" über die falsche [provisionsbasierte] Beratung bzw. gescheitertes selbständiges Vermögensmanagement erzählt. Weiter wird über die Honorarberatung gesprochen: als moderne Privatbank mit Honorarberatung vereinnahmen wir keinerlei Provisionen. So, weit so, gut. Aber dann – statt die Details der Quirins Honorarberatungs sachlich zu erläutern – kommt das Buch dazu wie Karl Matthäus Schmidt (Vorstandsvorsitzender der Quirin Bank) die Bankenwelt zweimal in zehn Jahren revolutionierte.

Success Story von Karl Matthäus Schmidt

Wir haben keinen Zweifel daran, dass Karl Matthäus Schmidt ein hervorragender Kaufmann ist. Müssen aber betonen, dass sein Talent wohl verfallen würde, wenn sein Vater ihn mit dem Startkapital (s.13) nicht versorgt hätte.

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Und dann (ab Seite 22) kommt es zum merkwürdigen Mischmasch von der Quirin-Honorarberatung auf "wissenschaftliche Basis" und der Vermögensverwaltung von Quirion. Da sich hier viele Haken verflechten, fangen wir erstmals mit "wissenschaftlicher Basis" an.
Es wird das folgende System angekündigt:

70% Markt 10% Persönlich 20% Schlaue Köpfe
Die besten 10.000 Unternehmen der Welt in Ihrem Depot Gemeinsam setzen wir Ihre Anlagewünsche und Investment-Ideen verantwortungsvoll um Expertenwissen in ausgewählten Nischenmärkten für mehr Ertrag im Depot

Bei dem "Markt" appelliert man an Eugene Fama (der sagt, Markt sei effizient, so niemand kann ihn nachhaltig schlagen) und bei "20% Schlaue Köpfe" kommt es zu Robert Schiller (der gezeigt hat, dass der Markt eben nicht effiziert sein kann). Beide Wissenschaftler haben im Jahre 2013 den Nobelpreis bekommen. An sich gibt es keinen Widerspruch im Versuch, diese zwei Konzepte zu "heiraten". In der Tat ist es wirklich sehr schwer den Markt konsistent zu schlagen, aber einige (begrenzte) Gelegenheiten gibt es fast immer, wie Einstein und HBecker ständig nachweisen.
Jedoch ist der Schritt vom Grobkonzept zur Implementierung sehr groß. Und über die Implementierung wird kein Wort gesagt! Zum Vergleich: Scalable hat zu seiner Methode ein ausführliches White Paper veröffentlicht, in welchem viele technischen Details erklärt werden...



Diese Fragen habe ich an Frau Kathrin Kleinjung, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Quirin, gestellt. Hier muss ich betonen: der Dialog mit Frau Kleinjung und Herrn  Philipp Dobbert (Chefvolkswirt der quirin bank AG) war sehr freundlich und konstruktiv.

U.a. schickte man mir die Factsheets über die "Markt" und "Schlaue Kopfe" Bausteine. Das Teil "Schlaue Köpfe" (in Fact Sheets "Wissen" genannt) würde ich eher loben. Zwar brachte es "nur" 7.47% innerhalb von 5 Jahren (annualisiert ca. 1.5%), betragen die Volatilität 0.75% und der Maximum Drawdown 0.20%, also ist das Risiko sehr gering. Jedoch ist dieser Baustein nur als "Gewürz" zu verstehen; z.B. als eine bessere Alternative zu den Cash-Reserven. Aber als Portfolio-Hauptkomponente eignet es sich kaum, die Rendite von 1.5% wird selbst die Inflation kaum ausgleichen.

Hingengen war der Anteil "Markt" enttäuschend, denn:
1) Betrachtet man das Portfolio 100/0 (100% Aktien und 0% Renten), so war die Performance dieses Portfolios innerhalb der letzten fünf Jahren (von 30.09.2012 bis 30.09.2017) schlechter als  MSCI World: 153,14% vs.  182,15% (bzw. 8.9% vs. 12.75% annualisiert). Zwar war die Volatilität bei Quirin etwas kleiner (9,69% vs. 12,98% annualisiert) war Quirin auch im Sinne der risiko-adjustierten Performance schlechter (Sharpe Ratio 0,92 vs. 0,98).
2) Das Portfolio 0/100 (0% Aktien und 100% Renten) würde überhaupt eine negative Rendite bringen (obwohl es positive Zinsen in die Welt gibt).

Kommentar von Herrn Dobbert, Chefvolkswirt von Quirin

1. Wie in unserem Telefonat erläutert, hat unser Ansatz ganz explizit nicht zum Ziel, den Markt zu schlagen. Vielmehr – das können Sie ja auch dem "Roten Buch" und den Texten auf unserer Webseite entnehmen (und wenn Sie wollen schicke ich Ihnen dazu noch weiteres Material) – geht es für uns darum, dass wir unseren Kunden ermöglichen, genau die Marktperformance verlässlich im Portfolio zu "ernten". D. h. keine Prognosen, keine Gurus, keine Heilsversprechen sondern die faire Rendite des Marktes. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger. Im Vergleich zu vielen Privatkundendepots – und davon sehen wir bevor unsere Kunden zu uns kommen so einige – ist das alles andere als wenig, das kann ich Ihnen versprechen. Wir richten uns eben wie am Telefon besprochen an Privatanleger und machen für diese "nur" das, was bisher institutionellen Anlegern (norwegischer Staatsfonds usw.) vorbehalten war.

Unseres Erachtens sollte man den kleinen Privatanleger mit dem norwegischen Staatsfond nicht vergleichen. Der norwegischen Staatsfond ist riesig, und deshalb ist er gezwungen möglichst breit zu investieren. Hingegen, kann ein Privatinvestor zum gewissen Grad die Rosinen picken. Man beachte, ab und zu kann zu breite Portfolio-Diversifizierung nicht nur die erwartete Rendite senken, sondern auch die Risiken erhöhen!

2. Beim Vergleich der MSCI-Welt-Performance mit den Factsheets beachten Sie bitte wie ebenfalls telefonisch besprochen, dass bei unserem Performance-Ausweis bereits alle Produktkosten und unser Beratungshonorar abgezogen sind. Dieses Honorar wird nicht "nur" für das Portfoliomanagement sondern auch für die persönliche Beratung durch unsere Vermögensberaterinnen und -berater entrichtet, die sich auch auf ganz andere Anlagebereiche wie Altersvorsorge, Immobilien usw. beziehen kann. Von daher ist der direkte Vergleich nicht vollständig aussagekräftig.

Das ist korrekt, der Wert der individuellen Beratung lässt sich kaum objektiv einschätzen.
Jedoch wenn es nur um die (risikoadjustierte) Rendite per se geht (was für viele Anleger häufig der Fall ist), lässt sich leider kein Mehrwehr für Kunden sehen.

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Nun kommen wir zum Roten Buch der Quirin. Auf Seite 22 steht: Gegen den Trend erzielten wir etwa im Jahr der Finanzkrise 2008 eine deutlich positive Rendite auf das Kundenvermögen.
Das ist sehr starke Ansage! So habe ich Frau Kleinjung um Nachweis gebeten. Die Antwort war aber: leider dürfen wir nur Factsheets veröffentlichen, die nicht länger als fünf Jahre zurückliegen - insoweit sind aus dem Jahr 2008 keine Daten mehr öffentlich verfügbar. Klingt, um ehrlich zu sein, ziemlich seltsam (obwohl der Grund des Verbots sein könne, dass der Regulator die Statistik-Manipulation durch die Wahl des Startsdatums verhindern wollte). Wie dem auch sei, bleibt die Aussage unbewiesen! Und wenn es um Performance geht, muss man wirklich n-i-e-m-a-n-d-e-m auf Wort vertrauen!

Tukur fragt, wir auch!

Und bei dieser Aussage bleiben wir wirklich hartnäckig! Mittlerweiler haben wir an die BaFin die Anfrage geschickt, ob es solches Verbot wirklich gibt. Sobald die Antwort kommt, werden wir unbedingt darüber berichten.

und die Antwort von BaFin (erhalten am 06.04.2018)
Sehr geehrter Herr Nekrasov,
ich komme zurück auf Ihre o. g. Anfrage vom 11.02.2018.
Sie hatten sich erkundigt, ob, und wenn ja, "welches Gesetz bzw. Bafin-Schreiben" eine Veröffentlichung von FactSheets bezogen auf Ihre Anfrage bei der Quirin Privatbank (Informationen zur Textpassage aus dem "Quirin Buch") "verbietet".
Ich möchte Ihnen mitteilen, dass es - bezogen auf Ihre konkrete Anfrage - keine aufsichtlichen Vorgaben gibt, die eine Zurverfügungstellung der angeforderten Informationen verbietet.
Ich möchte mich für Ihre Anfrage bedanken und bitte um Verständnis, dass ich Sie im Hinblick auf meine Verschwiegenheitspflicht gemäß
§ 21 WpHG über mein weiteres aufsichtsrechtliches Vorgehen nicht in Kenntnis setzen kann.

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Fazit: Unter oben genannten Umständen können wir nicht nachvollziehen, dass es sich lohnt, relativ hohes Beratungshonorar (lt. Quirins Factsheets bis zu 1.65% p.a.) zu zahlen.
Gleichzeitig empfehlen wir das Rote Buch von Quirin auf jeden Fall zu lesen (um die dort beschrieben Fälle und Fallen zu vermeiden). Jedoch selbst wenn Quirin besser als provisionbasierte Beratung ist, lässt sich davon nicht folgern, dass das Angebot von Quirin die beste Lösung ist.

Lieber soll man schauen, was Quirion (Robo-Advisor von Quirin Privatbank) sagt. Es steht explizit: Ihr Geld braucht keinen Anlagerberater!. Wie die obige Performance-Analyse zeigt, wäre es tatsächlich besser einfach einen ETF auf MSCI World ETF zu kaufen, als sich auf die Beratung von Quirin zu verlassen. Aber das ist auch nicht die beste Lösung. M.E. wäre es am besten diejenige Berater zu suchen, welche - nach dem Abzug von Beratungskosten - den Mehrwert für ihre Kunden nachweislich schaffen.


P.S.
Der Chef-Wissenschaftler von Quirin ist Prof. Dr. Stefan May. Leider hatte ich keine Gelegenheit mit ihm persönlich zu sprechen, aber aus den White Papers von Quirion habe ich Eindruck, dass man zu straightforward die Theorie in der Praxis umsetzt.
Mehrmals habe ich beim Stichwort "Prognosefreiheit" darauf hingewiesen, dass obwohl sich die Marktpreise wirklich kaum prognostizieren lassen, ist die Volatilität im wesentlichen prognostizierbar, was auch mit Nobelpreis in 2003 ausgezeichnet wurde. Und weniger Vola bedeutet weniger risiko und häufig mehr Rendite im Endeffekt! Das bestätigt auch das Kelly Kriterium; darauf habe ich der Quirin (Frau Anna Voronina) noch im Jahre 2014 hingewiesen. Aber diese Themen liegen wohl beyond a textbook...

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